Schutzsymbole der griechischen Antike im heutigen Alltag

Am Rückspiegel vieler Taxis in Athen baumelt ein blaues Glasauge. Touristen kaufen es am Hafenkiosk für wenige Euro, oft ohne zu wissen, was sie da in der Hand halten. Die Griechen nennen es Mati, das Auge. Es soll neidische Blicke auffangen, bevor sie Schaden anrichten.
Dieses kleine Souvenir setzt eine Praxis fort, die älter ist als der Parthenon. Die antike Welt kannte ein eigenes Wort für Dinge, die Unheil abwehren: apotropaios, das Abwendende. Solche Zeichen begleiteten den Menschen vom Trinkgefäß über die Haustür bis zum Tempeldach.
Der böse Blick und seine Gegenmittel
Die Furcht vor dem neidischen Blick, der Baskania, war in der Antike weit verbreitet. Plutarch ließ in seinen Tischgesprächen ernsthaft darüber diskutieren, ob ein Blick allein schaden kann. Die Alltagskultur beantwortete die Frage praktisch: Man hängte dem Gefährdeten ein Gegenbild um.
Besonders anschaulich zeigen das die Augenschalen aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. Auf diese Trinkgefäße malten attische Töpfer große, weit geöffnete Augenpaare. Wer daraus trank, hob eine Maske vors Gesicht, die jeden feindlichen Blick erwiderte. Geschützt war der Zecher genau in dem Moment, in dem er am verwundbarsten war.
Das Prinzip hat sich seither kaum verändert. Auch das heutige Mati fängt als stellvertretendes Auge den Blick ab, bevor er den Menschen trifft. Zwischen der bemalten Trinkschale und dem Anhänger am Rückspiegel liegen rund 2500 Jahre, die Geste ist dieselbe geblieben.
Dazu kam der Zauber der Abwehr durch den eigenen Körper. Wer gelobt wurde, spuckte symbolisch aus, um den Neid der Götter nicht zu wecken. In Griechenland hört man das dreifache „ftou“ nach einem Kompliment noch heute, besonders wenn es Kindern gilt.
Das Gorgoneion: ein Gesicht schlägt den Schrecken zurück
Noch drastischer arbeitete das Gorgoneion, die Fratze mit Reißzähnen, herausgestreckter Zunge und Schlangenhaar. Der Giebel des Artemistempels von Korfu zeigt sie überlebensgroß, gemeißelt um 580 vor Christus. Hopliten führten das Gesicht auf ihren Schilden, Athene trug es auf ihrem Brustschild, der Aigis.
Die Logik dahinter: Schrecken vertreibt Schrecken. Ein Gesicht, das selbst Angst macht, hält auf, was dem Träger schaden will. Welche Erzählung hinter der Fratze steht, zeigt der Blick auf die Gorgone Medusa, deren Haupt Perseus der Sage nach an Athene übergab.
Das Schreckgesicht blieb dabei kein Sonderfall der großen Heiligtümer. Auch an gewöhnlichen Dächern saßen Stirnziegel mit Gorgonenfratzen, die Blicke und Unheil von Haus und Bewohnern ablenken sollten. Wer durch eine antike Straße ging, wurde von vielen kleinen Schreckmasken zugleich angesehen.
Selbst Werkstätten setzten auf solche Bilder. Töpfer fürchteten Dämonen, die im Ofen Brand und Risse verursachen, und hängten Fratzen an den Brennofen. Der Schutz vor Unheil war keine reine Frömmigkeitsfrage, er gehörte zum Handwerk wie der Ton.
Schwellen, Hermen und der Schutz des Hauses
Vor griechischen Haustüren stand häufig eine Herme, ein viereckiger Pfeiler mit dem Kopf des Hermes. Sie markierte die Schwelle, den heikelsten Ort des Hauses. Wer eintrat, passierte zuerst den steinernen Wächter, und wer das Haus verließ, grüßte ihn im Vorbeigehen.
Für die Übergänge draußen war Hekate zuständig, die Göttin der Wegkreuzungen. An ihren kleinen Schreinen legten Haushalte zum Monatswechsel Speisen ab, die sogenannten Hekatemahle. Kreuzungen galten als unsichere Orte, an denen sich entscheidet, welchen Weg das Kommende nimmt. Die Gabe sollte dafür sorgen, dass es den freundlichen nahm.
Beliebt war eine Türinschrift, die aus mehreren antiken Städten überliefert ist: „Hier wohnt Herakles, der ruhmreiche Sieger. Nichts Böses trete ein.“ Der Satz wirkt wie ein Türschild und war zugleich eine Bannformel. Das Haus stellte sich unter den stärksten aller Helden.
Hinter diesen Alltagsgesten stand eine dicht bevölkerte unsichtbare Welt. Wer wissen will, welche Gestalten die Griechen dabei im Sinn hatten, findet einen Überblick über die griechische Tradition im iWell-Guard-Lexikon. Dort stehen die großen Olympier neben Dämonen und Naturgeistern, die für den Hausgebrauch oft wichtiger waren.
Knoten, Steine und getragener Schutz
Getragener Schutz hatte viele Formen. Kinder bekamen Schnüre mit kleinen Anhängern umgebunden, denn Geburt und frühe Kindheit galten als gefährdetste Lebensphasen. Erwachsene trugen Phylakterien, wörtlich übersetzt Schutzmittel, als Kapseln oder Beutel am Körper.
Das griechische Wort lebt bis in die Gegenwart weiter. Die kleinen Stoffbeutel, die orthodoxe Gläubige heute aus Klöstern mitbringen und ins Auto oder unter das Kopfkissen legen, heißen Filachta. Eine Vokabel aus der Antike bezeichnet damit noch immer denselben Gegenstand.
In der hellenistischen Goldschmiedekunst taucht immer wieder der Heraklesknoten auf, ein doppelt geschlungenes Band aus zwei verschlungenen Schlaufen. Er schmückte Diademe und Armreifen, Bräute trugen ihn am Gürtel. Ein fest gebundener Knoten sollte Böses binden und Zusammengehöriges halten.
Auch Steinen schrieb die Antike besondere Kräfte zu. Der Amethyst trägt diesen Glauben bis heute im Namen: amethystos heißt „nicht trunken“, der violette Stein sollte nach antiker Überlieferung vor den Folgen des Weines bewahren. Wer heute einen Amethyst trägt, knüpft an diese Deutung an, ob er sie kennt oder nicht.
Den Atem des Lebens nannten die Griechen Pneuma. Die Vorstellung, dass eine feine Kraft den Körper durchströmt und über Wohlergehen mitentscheidet, verbindet die griechische Antike mit vielen anderen Kulturen. Mehr zu diesem Gedanken steht in unserem Beitrag über Lebensenergie.
Fazit: alte Zeichen, gleiche Fragen
Viele dieser Zeichen leben weiter, oft ohne dass ihre Träger die Herkunft kennen. Das Mati hängt am Kinderwagen wie einst das Amulettband am Kind. Medusenhäupter zieren Schmuck und Markenlogos, an griechischen Hauswänden hängen wieder Augen aus Keramik.
Wer solche Symbole heute nutzt, muss dafür nicht an Dämonen glauben. Sie erzählen davon, wie Menschen seit Jahrtausenden Schwellen sichern und neidische Blicke abwehren wollten, von den ältesten Amuletten Mesopotamiens bis zum Mati unserer Tage. Ein blaues Glasauge am Schlüsselbund ist deshalb beides zugleich: ein Souvenir und ein Stück gelebter Kulturgeschichte.
Weiterführende Literatur
- Walter Burkert: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. 1977.
- Thomas Rakoczy: Böser Blick, Macht des Auges und Neid der Götter. 1996.
- Robert Parker: Miasma. Pollution and Purification in Early Greek Religion. 1983.